Mit der plakativen Mitteilung “Bitte warten Sie, bis wir den Datenverkehr unserer zahlenden Partner bevorzugt haben” könnten in Zukunft viele kleinere Webseiten das Ende der bisherigen Netzneutralität anschaulich belegen. Vergangenen Donnerstag verabschiedet die amerikanische FCC (Federal Communications Commission) mit denkbar knapper 3-2 Entscheidung einen Vorschlag, wie Netzbetreiber eine Bevorzugung von entsprechend zahlungskräftigen Unternehmen umsetzen können.

Wird dieser Entwurf nach Ablauf der Beratungszeit in vier Monaten umgesetzt, dann wird das bisherige Prinzip der Gleichbehandlung von allen Daten im Internet (“die Netzneutralität“) wohl endgültig gekippt. Für innovative Unternehmen oder Startups, deren Geschäftsidee auf ein erhöhtes Datenvolumen aufbaut, bedeutet das praktisch das Ende, da sie kaum mit zahlungskräftigen Konzernen mithalten könnten. Für die Konsumenten zeichnet sich dann ab, dass sie mit der Einheitskost der großen Anbieter vorlieb nehmen müssen statt wie bisher aus einer Vielfalt an alternativen Diensten und erfrischend andersartigen Angeboten wählen zu können.

Eigene Fahrspur für Zahlungskräftige auf allen Strassen

Das Internet ist in seiner heutigen Form in vieler Hinsicht Rohstoff, Durchlauferhitzer und Brutkasten für Innovation und Fortschritt. Jede Verschiebung der Marktchancen durch eine kostenpflichtige Bevorzugung des Datentransports wird zu Lasten von kleinen, innovativen, flexiblen Unternehmen, Gründern, Projekten oder Netz-Communities stattfinden. Gerade diese liefern aber den Treibstoff, damit der  globale Wettbewerb in Bewegung bleibt. Die Neutralität des Datenverkehrs im Netz muss um jeden Preis als eine Grundeigenschaft erhalten bleiben.

Der Columbia University Professor Tim Wu zeigt in seinem Artikel “Net neutrality and the idea of America” im New Yorker den Punkt auf, wie wesentlich ein unbehinderter Zugang zu öffentlichen Räumen ist. “Es ist eine Sache, wenn eine vermögende Bevölkerungsschicht teure Autos fährt. Wenn aber für sie gleichzeitig eigene Schnellspuren auf allen Strassen eingerichtet würden, dann wäre das gesellschaftlich völlig indiskutabel”. Genau darauf zielt jedoch der Entwurf der FCC ab, indem er nach außen vorgibt, in Wirklichkeit für die Netzneutralität zu stehen, im Detail dann aber gleich an mehreren Stellen Ausnahmeregelungen zugunsten von “Spezialdiensten”, “Mobilfunkdaten” oder für “wirtschaftlich angemessene Ausnahmen” einführt.

Netzneutralität sichert den offenen Innovationsraum Internet

Die in dem Zusammenhang mehrfach angeführte “nationale Aufmerksamkeit” für das Thema Netzneutralität scheint jedoch leider noch lange nicht wirklich gegeben. Ähnlich wie beim globalen Abhörangriff auf alle Nutzer des Internet beschränken sich auch hier die Proteste und Aktivitäten auf wenige Organisationen und Vordenker, obwohl es hier ebenfalls um eine tiefgreifende Beschädigung für den “Innovationsraum Internet” geht.

Immerhin haben sich bereits eine größere Zahl an Unternehmen, Künstlern und engagierten Personen in offenen Briefen gegen den FCC Vorschlag ausgesprochen. Am Ende ist jeder von uns gefordert, sich für ein offenes, unbeschränktes und neutrales Internet einzusetzen – so wie es ursprünglich konzipiert war und so wie wir es heute kennen und schätzen. Dann bleibt es auch für Unternehmen weiterhin der mit Abstand wertvollste Brutkasten und Durchlauferhitzer für Neues und Fortschritt, wenn es um externe Wertschöpfung und Open Innovation geht.


http://huffingtonpost.com/2014/05/15/fcc-votes-for-plan-to-kill-net-neutrality
http://mashable.com/2014/05/14/what-is-net-neutrality?-everything-you-need-to-know
http://newyorker.com/online/blogs/elements/2014/05/net-neutrality-and-the-idea
http://sueddeutsche.de/digital/netzneutralitaet-us-netzbehoerde-stimmt-fuer-zwei
http://digitalegesellschaft.de/2014/05/netzneutralitaet-fcc-vorschlag-wirft-schlaglicht
http://netzpolitik.org/2014/usa-machen-eu-und-deutschland-nach-fcc-verspricht