Im Zuge der Energiewende steht uns ein großer Schritt hin zu einem “Smart Grid” bevor. Dessen Intelligenz soll als die Integration und dezentrale Kontrolle von unabhängigen Energieerzeugungseinheiten, Verbrauchern, Speichern sowie Netzbetriebsmitteln im Übertragungs- und Verteilernetz zu verstehen sein. Diese arbeiten über vernetzte Informations- und Kommunikationstechnologie zusammen.

Elektroautos wird hierbei oft eine zukunftsweisende Rolle zugesprochen, können sie doch in dreifacher Hinsicht als unterstützendes und stabilisierendes Element gesehen werden:

  • als steuerbarer Verbraucher, der bestenfalls vorwiegend dann Strom bezieht, wenn gerade regenerative erneuerbare Energiequellen (EE) verfügbar sind,
  • als Speicher für potentiell überschüssigen Strom aus EE, der möglicherweise sonst abgeregelt werden müsste, und
  • als “Erzeugungseinheit” (aus Netzsicht) im Rückspeisefall und Netzdienstleister für die Behandlung von Spannungsschwankungen mithilfe von lokaler Einspeisung von Blindleistung.

Um dem Elektroauto dieses Multitalent zu entlocken, bedarf es jedoch eines leistungsfähigen Kommunikationsprotokolls zwischen Elektroauto und Ladesäule samt der dahinter liegenden Systeme. Die weltweite Standardisierung dieser Ladeschnittstelle ist das Ziel der in Entwicklung befindlichen Norm ISO/IEC 15118: “Road Vehicles – Vehicle-to-Grid Communication Interface”.

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Dieser Standard – dessen finaler Stand für das Frühjahr 2014 zu erwarten ist – hat das Potential, die immer weiter steigende Zahl an Elektroautos gewinnbringend in unser Energienetz einzubinden. Bedarf für eine intelligente Ladesteuerung gibt es bereits jetzt schon bei den ersten Betreibern von E-Fahrzeug-Flotten. So liesen sich z.B. die Ladevorgänge an der Verfügbarkeit Erneuerbarer Energien ausrichten, um den eigenen Netzanschluss nicht überzustrapazieren.

Im Rahmen des Forschungsprojekts iZEUS wird dieser Ladekommunikationsstandard am Karlsruher Institut für Technologie implementiert, um ein prototypisches rückspeisefähiges Elektroauto in das Energiemanagement eines Smart Homes zu integrieren. Im Oktober 2013 startet ein Live-Test der Umsetzung des Energiemanagmentsystems im Rahmen einer mehrmonatigen Smart Home-Wohnphase, welche erste aussagekräftige Ergebnisse zu den Potentialen des Standards hinsichtlich der Befähigung eines Elektroautos als mobilen Energiespeicher liefern wird.

Mit diesen Forschungsergebnissen und Erkenntnissen ließe sich leicht ein Spin-off  gründen. Unter anderem stellt sich hier die Frage, ob es vorteilhaft ist, eine entsprechende Implementierung closed-source zu vermarkten (was bspw. bereits die Firma Vector Informatik für Daimler und die Firma InSys für RWE macht, basierend auf dem Vor-Standard), oder stattdessen eine fortgeschrittene Implementierung offen zu legen.

Hierbei haben bereits folgende Überlegungen stattgefunden:

  • Open Source hat u.a. die Vorteile, dass eine größere Entwicklergemeinde gemeinsam an einer stabilen und sicheren Version arbeitet, vorausgesetzt man schafft es, die Einstiegshürde für diesen doch recht komplex gewordenen Standard zu senken und die existierende Implementierung gut zu dokumentieren. Außerdem schafft Open Source einfach mehr Vertrauen in eine Software, was unter Marketing-Gesichtspunkten nicht zu vernachlässigen ist. Schlussendlich hat der Kunde einen Zugewinn an Sicherheit, sollte das Unternehmen in Schwierigkeiten geraten und die Software nicht mehr weiter entwickeln können.
  • Man könnte den Standard, so wie er spezifiziert wurde, für nicht-kommerzielle Zwecke als eine Open Source Implementierung bereitstellen. Sobald jedoch die Verwendung im kommerziellen Rahmen stattfindet, würde eine Lizenzgebühr erhoben. Dies wäre ein sogenanntes Dual-Licensing-Modell, wie es bspw. auch bei MySQL zu finden ist. Es ist hierbei jedoch zu bedenken: Im Gegensatz zu MySQL wird diesen Standard auf den ersten Blick Niemand für nicht-kommerzielle Zwecke einsetzen wollen. Macht dies dann Sinn?
  • Bietet man die Implementierung des Standards als Open Source Software an, so liese sich das Geschäftsmodell mit zwei unterschiedlichen Strategien aufbauen:a) Man bietet Beratungsdienstleistung an, um die Implementierung beim Kunden zu integrieren (bspw. in das IT-System der Ladesäulen von Ladesäulenherstellern, die gleichzeitig als Partner auftreten könnten).b) Man verkauft darüber hinaus gehende, für den Kunden gewinnbringende Software (bspw. Plug-ins), die über ein Lizenzmodell verrechnet werden. Denkbar wären hier u.a. Algorithmen, die das Ladeverhalten mehrerer gleichzeitig ladender E-Fahrzeuge unter diversen Zielvorgaben und Parametern (Netzanschlussleistung, Anzahl gleichzeitig ladender Fahrzeuge mit verschiedenen Batterieladezuständen und Fahrplänen, Einbeziehung lokal verfügbarer Erneuerbarer Energien) optimiert.

Die Frage, ob Open Source oder nicht, stellt sich in diesem Forum vielleicht weniger. Geht man als von dieser Grundlage aus, dann bleibt zu klären: Welches Modell, welche Open Source Lizenz und welche bisher noch nicht in Betracht gezogenen Vorteile würde ein Going Open Source für das vorgestellte Konzept mit sich bringen?

Mit diesem Beitrag soll eine aufschlussreiche Diskussion gestartet werden und ein Erfahrungsaustausch mit vergleichbaren Situationen in Gang gesetzt werden. Wir freuen uns über Feedback in Form von Kommentaren oder durch persönliche Nachricht an
Marc Mültin (mueltin@kit.edu, www.smart-v2g.info/blog)