Das Fazit gleich vorweg: Dass die beiden Organisationen zusammengehen wollen, ist die beste Open Source-Meldung des Jahres. Von Ludger Schmitz*

Die Fakten sind bekannt: Die Vorstände von OSBA und OSBF haben jeweils einstimmig beschlossen, beide Vereine zu einem zusammenzuführen. Ich sage voraus, und dafür muss ich mich keinen Zentimeter aus dem Fenster lehnen, dass die Mitgliederversammlungen beider Vereine mit überwältigenden Mehrheiten für die Zustimmung votieren werden. So viele möchten schon seit Jahren eine Fusion.

Das naheliegende Argument dafür ist, dass keine kostenträchtigen Doppelmitgliedschaften mehr notwendig sein werden. Ich bin auch in beiden Vereinen und sehne seit Jahren ihren Zusammenschluss herbei. Für mich war die Existenz von zwei, früher sogar drei Open Source-Organisationen nichts anderes als ein Luxusproblem. Und zwar eins, das dem Anliegen zum Problem wurde.

Interessenten werden sich nicht entscheiden müssen, weshalb wohl schon einige gezögert haben – und im Zweifel von beiden die Finger ließen. Das gilt insbesondere für Schwergewichte in der IT-Industrie. Der finanzielle Beitrag juckt diese weniger, aber ihre Strategie ist auf Breitenwirkung angelegt. Da entscheidet man nicht gerne für ein Grad nach links oder ein Grad nach rechts, sondern man hält auf die Mitte. Ich sage voraus, dass sich mehr große IT-Anbieter hinter den gemeinsamen Verein stellen werden. Wieso fällt mir gerade jetzt SAP ein?

Was für ein Bild gibt die Open Source-Gemeinde ab, wenn es in Deutschland zwei Vereine gibt, die sich eher in Nuancen unterscheiden? Antwort: So ist wohl auch Open Source; eine Menge Puzzle-Elemente, vor denen es lange Suche, Fummelei und Versuche braucht, bis daraus ein Bild wird. Eine vereinte Organisation kann intensiver auf  Anwenderunternehmen, Verwaltungen einwirken. Eine Stimme ist überzeugender, als wenn der Bruder gleich ein „ja, aber“ nachschiebt. Auch für Industrieverbände und Politik gilt das: Eine vereinte Organisation hat mehr Gewicht als zwei konkurrierende. Der künftige Verein wird nicht nur in der Öffentlichkeit leichter wahrzunehmen sein, sondern auch mehr Einfluss gewinnen.

Ich befürchte nicht, dass eine Fusion die Positionen der OSBA verwässern wird. Der deutlichste Unterschied zur OSBF bestand in der Frage der Softwarepatente. Die beiderseits beschlossenen Leitlinien lehnen sie ab. Andere kritische Punkte vermag ich nicht zu erkennen. Im Gegensatz: Durch den Zusammenschluss gewinnt die OSBA Positionen, die in der OSBF weiter entwickelt sind, und umgekehrt.

Der Nürnberger Verein hat enorm viel Erfahrung mit dem Coaching von Open Source-interessierten IT-Anbietern und -Anwendern, was enorm wichtig für die Mitgliederwerbung ist. Und er hat erfolgreich einige Projekte von konsortialer Softwareentwicklung vorangetrieben. Das heißt bei der OSBF Cosad und und ist eine höchst sensible Sache, weil Unternehmen einer Branche, oft genug Konkurrenten, dazu bewegt werden müssen, für sie gleichermaßen betreffende Aufgaben gemeinsam Software zu entwickeln – was wirtschaftlich sinnvoll ist, aber nur per Open Source vernünftig geht.

Die OSBF bringt ferner etwas mit, was für die Zukunft von Open Source sehr wichtig sein wird. Sie hat in den letzten Jahren intensiv neue Open-Initiativen unterstützt. Das ging weit über die „Alltagsthemen“ Open Government, Open Data oder Open Access hinaus, nämlich um zum Beispiel um Open Hardware, Health, Music, Space bis hin zu Un-Conferencing. Hier engagieren sich viele junge IT’ler, die es nicht nur als Mitglieder zu gewinnen gilt. Wir müssen sie auch überzeugen, dass ihre Initiativen erst dann nachhaltig wirken, wenn sie in der Umsetzung auf Open Source-Software setzen. Auf diesen Gebieten gibt es viel Erfahrung in der OSBF. Das könnte in einer gemeinsamen Interessenvertretung das Themen-Spektrum für ein Engagement der Mitglieder erweitern und den Verein für mehr Interessenten attraktiv machen.

In den neuen Open-Themen steckt im Kern ein elementar neuer Trend in der Nutzung von IT. Längst sind die Zeiten vorbei, in der die Anwender vor Terminals nur Input in die Masken tippten. Längst machen wir mit PCs am Arbeitsplatz mehr, als vorgegeben ist – was manchem Arbeitgeber nicht gefallen mag, aber unwiderrufbare Realität ist. Mit den Smartphones kommt die nächste Stufe der IT-Evolution: Die Leute verwenden die Rechen- und Kommunikations-Power für Dinge, für die sie gar nicht vorgesehen sind. Sie machen ohne Vorgaben das, was sie gerade brauchen oder möchten. Die Fluthilfeorganisation im Frühjahr 2013 konnte nicht auf Microsoft warten, sondern hat sich aus Googlemaps, Twitter, Youtube etc. nach eigenem Bedarf neue Mittel gestaltet. Das war IT-Basisdemokratie in der Praxis.

Ikea hat einmal festgestellt, dass immer mehr Kunden die Möbel nicht wie vorgesehen, sondern quasi zweckentfremdet verwenden. Das funktioniert erst recht dann wirklich gut, wenn das Basismaterial einfach und standardisiert ist. Genau so wird es in der IT laufen. Open Source-Software bietet dazu die besten Voraussetzungen. Sie schwört auf Standards und lebt davon, dass sie sich hemmungslos an anderswo entwickelten guten Programmelementen bedient.

Man muss es bekannter machen, dass Open Source schon in seiner Grundanlage alles für die Zukunft der IT hat. Das kann eine vereinte Interessenvertretung einfach besser – und damit stellt sie sich besser für die Zukunft auf.

*Ludger Schmitz ist freiberuflicher Journalist in Kelheim.